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{jcomments on}Blogartikel rund um Text, Schreiben, Inspiration, Kreativität, Bücher,

Menschen spiegeln sich unerkennbar in Straßenbahnfenster

atme

in deine augen schauen
in deine seele tauchen
dunkelheit
und atemzüge
schweren herzens

 

kein wort erlauben
nicht mal flüstern
stille
und atemzüge
schweren herzens

 

in die seele lauschen
dumpfes rauschen
taubheit
und atemzüge
voller sehnsucht

 

der abgrund in mir
sieht den abgrund in dir
in ruhe
atme
viele atemzüge noch

 

____

Dies ist mein Beitrag für das dritte Wort "abgrundtief" im Projekt *.txt. Mehr zum Projekt, den bisherigen Worten und Beiträgen steht bei neon wilderness.

CI-SprachprozessorHeute war die vierte Anpassung meines Sprachprozessors (SP). Der SP ist das äußerlich sichtbare Teil des Cochlea Implantats. Es sieht aus wie ein Hörgerät und wird auch genauso hinters Ohr gehängt. Aber es ist noch ein Knopf dran: der Magnet, der den Kontakt mit dem Implantat hält. Dieser Magnet wird etwas oberhalb hinterm Ohr am Schädel platziert. Er sorgt dafür, dass das Implantat Energie erhält (über Batterien im SP) und damit überhaupt erst funktioniert. Und dann bringt der SP natürlich die Klangwelt ins Innere, bei mir ist er mit zwei Mikrofonen bestückt. Aber dass ich damit überhaupt etwas höre, liegt nur an den Einstellungen, die ich in jeder Sitzung mit Audiologen meiner Klinik anpasse.

EA - die Erstanpassung

Dudeldudeldidup und an ist das CI. Die Audiologin aktiviert Elektrode für Elektrode meines CIs - und ich wirke mit, indem ich angebe, ab wann ich einen Ton höre und ab wann nicht mehr. Dann das gleiche Spiel für das Lautheitsempfinden, wann finde ich einen Ton noch angenehm laut, wann zu laut? Dann steht die Grundeinstellung für das erste Programm. "Wie hört es sich für Sie an?" Nach dem Anschalten höre ich zunächst einen Dauerton und bin irritiert. Doch während des Gesprächs scheint dieser Ton aus meiner Wahrnehmung zu verschwinden. Und dann bin ich einfach nur positiv überrascht, freudig überrascht. Denn ich habe damit gerechnet, dass ich zu Beginn nur wenig verstehen würde mit dem CI. Und nun hört es sich zusammen mit dem Hörgerät schon sehr vielversprechend an. Nach fünf 'einohrigen' Wochen hört sich die Welt auf einmal wieder voller an. Die Audiologin richtet mir ein zweites etwas lauteres Programm ein, "zum Ausprobieren". Und obwohl es etwas unangenehm laut ist, höre ich mehr Stimme als in der ersten Einstellung. Ich habe das Gefühl, als würde ich meinem Gehirn bei der Arbeit zuschauen. Ich erhalte eine Anleitung, wie ich das Batteriefach öffnen und schließen kann und wie ich mit der Fernbedienung umgehen sollte. Dann legt die Audiologin einen Karton auf den Tisch, in dem sich das Zubehör des CIs befindet: Austauschmagnete, Austausch-Batteriefächer, verschiedene Verbindungskabel, eine Trockenbox, eine Bluetooth-Induktionsschleife und verschiedene Info-Materialien - und einen ersten Satz Batterien. Bei der Logopädin darf ich anschließend meine ersten Eindrücke schildern. Sie gibt mir Tipps fürs eigene Hörtraining und leiht mir eine Geräusche-CD aus. "Einfach ausprobieren." Dann machen wir eine Probe: Ich soll mich wegdrehen, das Hörgeräte-Ohr wird 'ausgeschaltet', und nun soll ich nur mit dem CI hören und verstehen, welche Obstsorte sie mir nennt. "Banane" geht schon ganz gut oder "Mandarine", beim Apfel tu ich mich schon schwerer. Aber das ist ja nur der Anfang. In zwei weiteren Anpassungen werden die Parameter noch etwas angehoben bzw. abgesenkt, je nachdem, welche Rückmeldungen ich den Audiologen gebe. Nach der dritten Anpassung kann ich ein S wieder klar hören, aber ich kann es nicht immer klar von einem Zischlaut unterscheiden.

Hörtraining (CI alleine):

Mit der Audiologin trainiere ich am PC das Erkennen von Wörtern. Es wäre frustrierend, wenn man keine Vorlagen hätte. Ich darf mir aus zwei, drei oder mehr Wörtern eins auswählen, das es vielleicht gewesen sein könnte, was ich da gehört habe. So komme ich am Anfang anhand des Rhythmus, der Silbenzahl gut hin. Und dann, noch während des Trainings erlebe ich wie das Gehirn umschaltet. Ich höre nicht mehr den mechanisch-roboterhaften Ton, sondern eine Stimme. Als wäre da ein Klangregen - und hinter der Regenwand ist das Wirkliche zu erkennen. Bei Geräuschen und Musikinstrumenten schaltet das Gehirn noch nicht so leicht um. Aber bei Stimmen, bei Sprache. Zuhause übe ich mit einer Trainings-CD, die die Klinik aufgenommen hat. Es gibt verschiedene Sprecher, männliche und weibliche Stimmen. Kurze Sätze, Gedichte, Kurzgeschichten. Bis jetzt sind nur die männlichen Stimmen einigermaßen angenehm zu hören.

Hörerlebnisse im Alltag (CI zusammen mit Hörgerät):

  • Nach der Erstanpassung fällt mir der Klang von Schritten auf: Kinder, die zur Schule rennen, eine Frau, die Schuhe mit Absätzen trägt und eine Straße überquert, meine eigenen Schritte auf Kies. Ich lasse den Kies unter meinen Schuhen extra knirschen.
  • Ich höre beim Warten auf den Bus ein dunkles Motorgeräusch, ich schaue mich um und entdecke am Ende der Straße den LKW, der gerade in die Straße einbiegt.
  • Ich höre an der kleinen S-Bahnhofsstation schon von weitem einen Zug. Ich höre ihn, bevor ich ihn sehe.
  • Bei der Arbeit höre ich, wenn sich Leute im Flur unterhalten. Manchmal nehme ich auch das Türklopfen besser wahr. Und die Chefin sagt, ich verdrehe beim Zuhören den Kopf nicht mehr.
  • Stimmen haben wieder mehr Ecken und Kanten.

Ich bin ziemlich glücklich mit den neuen Hörerlebnissen und gespannt auf die weiteren Entwicklungen.

Vom Wünschen alleine wird man nicht satt. Wünschen alleine bezahlt keine Miete oder Strom und Telefon. Wünschen alleine schafft auch nichts.

Zum Beispiel wünsche ich mir Ordnung und Struktur, im Leben und auch sonst so. Zum Beispiel in der Sockenschublade, damit ich einfach hineingreifen kann und ein zusammengehöriges Sockenpaar finde. Oder Ordnung für das Fach in meinem Küchenschrank, wo Tupper und Kunststoffboxen zusammen mit Plastikdeckeln ein wackeliges Gebilde formen, das vielleicht nicht heute einstürzt, aber vielleicht in einer Woche.

Soll ich meinen Schreibtisch erwähnen, den Tisch daneben und die Ablageboxen auf dem Boden? Ja, ich habe sehr praktische Ablageboxen. Sie sollten für mich einmal die Wende zu einer einfach einzuhaltenden Ordnung schaffen. Aber das konnten sie ohne mich nicht. Ich glaube, ich habe sogar leere Ablageboxen.

Ich habe mir vor einigen Jahren eine dicke Vorlagemappe gekauft. Darin wollte ich wichtige Unterlagen nach Monaten und Tagen sortieren, damit ich alles rechtzeitig erledige. Stolz sortierte ich Papiere hinein, immer wieder. Neulich fiel zufällig mein Blick auf die Mappe und ich erschauderte. Die Mappe quoll über vor Papieren. Bestimmt dauert es Tage, das alte Zeugs zu sortieren und zu entsorgen.

Es gibt viele Ordnungssysteme. Karteikästen, Ringbücher, Plastikablagen, Kartons. Sie sind praktisch und durchdacht. Und jedesmal, wenn wieder einmal Werbung ins Haus flattert für solche praktischen Utensilien, Unterbettkommoden, Flaschensortiertaschen, Sockenschubladenorganizer - dann will ich aufspringen und sofort kaufen. 

Es ist so verheißungsvoll. Ich glaube immer, dass die Dinge der Anfang vom Ende der Unordnung sind. Ich wünsche es mir.

Aber es sind nicht die Dinge. Und Wünschen alleine erzeugt keine Ordnung. Am Anfang der Ordnung stehe nämlich ich. Es gibt keinen anderen, der es für mich tut.

Bei mir herrschen Ordnung und Struktur allerdings nur beim Schreiben: Einen Text zu schreiben, also Buchstaben, Wörter, Satzteile in eine Reihenfolge zu bugsieren, zu der ich Ja sagen kann. Aber gerne doch! Einen langen, langen Text zu strukturieren, ihn mit Zwischenüberschriften aufzuhübschen, mit geordneten (oder ungeordneten) Listen zu versehen, Textteile zu fetten, Absätze zu formatieren. "Ja, ja, ja," ruft es in mir, "Texte her zu mir: Ich ordne euch gerne."

Wenn Wünschen hilft, dann wünsche ich mir Folgendes:

  • Dass ich meine Schublade voller Socken wie einen Text behandeln kann: Ich würde alle Paare sofort mit einem Bindestrich verbinden, damit sie nicht aus Versehen getrennt werden können. 
  • Dass ich auch den Text im Küchenschrank erkenne: Ich würde die Tuppersatzteile in Reih und Form bringen und die Deckel im Nebensatz erwähnen.
  • Dass ich mein Leben wie einen Text zu lesen lerne und sich mir seine verborgene Ordnung enthüllt.

Und wenn Wünschen hilft, dann ist dieser Text auch völlig in Ordnung.

Das wünsche ich mir.

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 Dieser Text entstand durch die Inspiration mit dem Wort "wünschen" des Projekt .txt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net). Bei dem Projekt wird 2015 alle drei Wochen ein Wort gezogen und die teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, dazu einen Text zu veröffentlichen. Das erste Wort war "Gratwanderung". Alle Beiträge werden hier verlinkt: http://neonwilderness.net/txt/txt-die-beitraege/

"Gratwanderung" lautet das erste Wort im Projekt *.txt. Bei diesem Projekt von Dominik Leitner (www.neonwilderness.net) wird alle drei Wochen ein Wort "gezogen" und alle teilnehmenden Autorinnen und Autoren haben drei Wochen Zeit, um einen Text zu veröffentlichen. Ob nun eine Geschichte, einen Brief, ein Gedicht, ein paar Zeilen, was auch immer. Hauptsache man schreibt. Hier gibt's die Projektankündigung *.txt 

Und hier mein Gedicht. Ja, ein Gedicht - warum nicht?

 

Gratwanderung

Ich wandere auf schmalem Grat

Ein Wandervogel auf Maschendraht

Nach Links schielen

Nach Rechts zielen

Im Gehen entsteht mein Pfad

 

Im Hinterland ruhige Milde

Im Vordergrund Wolkengebilde

Steiler Abhang nadelholzschwer

Unten vermutlich ein Meer

Mein Leben erwandert zu Fuß sich das Wilde

 

Auf solchem Grat wandern!

Davor warnen die andern

die sich in Sicherheit wiegen

die niemals träumen vom Fliegen

Ach, lasst sie weiter mäandern!

 

Doch bin ich ehrlich

Gratwandern ist gefährlich

Füße und Hände ertasten die Welt Schritt für Schritt

Augen bewachen jeden einzelnen steinigen Tritt

Meine Sinne sind unentbehrlich

 

Will mein Herz jetzt verzagen

Werd' ich den Absprung wieder nicht wagen

Abseitige Aussichten im Blick

Absurdes Gerede von Glück

Doch der Grat wird mich Tragen

 

 

Dass ein "erdrutschartiger Sieg" eigentlich einem Bild der Verwüstung entspricht, darauf wäre ich von selbst gar nicht gekommen. Die Formulierung ist wie viele Floskeln bereits so verbreitet, dass sie schon nicht mehr hinterfragt wird. Ein bisschen Nachdenken ist beim Schreiben angebracht, das macht die Seite www.floskelwolke.de von Udo Stiehl und Sebastian Pertsch deutlich.

Die beiden freiberuflichen Nachrichtenredakteure haben Formulierungen zusammengetragen, die abgedroschen, verharmlosend, unpräzise, überflüssig oder schlichtweg falsch sind und damit journalistischen Maßstäben nicht genügen. Solche Phrasen tauchen recht häufig in unseren Medien auf. In dem "Nachrichtengiftschrank" der Webseite sind die einzelnen Formulierungen aufgelistet, dazu gibt es eine kurze Erklärung, was sie zur Floskel macht.

Erdrutschartig ist eine Floskel - Text als Bild

Für die Floskelwolke lassen Stiehl und Pertsch mithilfe einer Programmierung rund 1.600 Domains analysieren, Websites von Zeitungen und Magazinen, Radio- und Fernsehsendern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Daraus werden zweimal täglich die aktuellen Top-Floskeln generiert. Die Wolke macht sichtbar, welche Floskeln, Phrasen, Formulierungen sich in den Medien halten und verbreiten.

Die CSV-Daten und Floskelwolken stehen auf der Webseite zum Download bereit - und zusätzlich auch ein Floskel-Phrasen-Bullshit-Bingo mit 100 Floskeln, Phrasen, Formulierungen.

Floskeln als Begriffewolke

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